Morgens halb 7 in Deutschland

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Rygel
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Morgens halb 7 in Deutschland

Ungelesener Beitragvon Rygel » 01.04.11 00:26

„Sie möchten WAS???“ Erschrocken halte ich inne und rekapituliere noch mal, welches Anliegen genau ich bei der sichtlich entsetzten Bäckereifachangestellten vorgebracht habe. Nach nur wenigen Sekunden bin ich mir jedoch ziemlich sicher, dass meine Frage wie im Vorfeld geplant tatsächlich nur vegane Brötchen thematisierte, aber auf keinen Fall Forderungen nach spontaner Familienbildung auf dem hausinternen Backofen oder ähnlich pubertäre Auswüchse enthielt, die den aktuell zur Schau gestellten Gesichtsausdruck irgendwo zwischen totaler Irritation und echter Entrüstung auch nur im Entferntesten rechtfertigen würde. Also setze ich mein Buchstabenkonglomerat noch mal im gleichen Fragekontext zusammen, ernte aber wieder nur pures Unverständnis, nun aber schon detaillierter mit „Und was genau ist das?“ artikuliert. Es scheint also eine wenn auch nur recht simple Verständigungsbasis zwischen mir und dem Verkaufsbüttel zu bestehen, das ist auf jeden Fall besser als nichts und ausbaufähig.

Ich beneide übrigens in solchen Situationen aus tiefsten Herzen Schimpansen- und andere Primatenforscher, die bei ähnlichen Kontaktaufnahmen ganz andere Möglichkeiten zur Verfügung haben und dadurch sehr viel schneller an ihr Ziel gelangen als ich. Sicherlich wäre auch bei meiner morgendlichen zwischenmenschlichen Begegnung noch alles im grünen Bereich, solange ich erklärtechnisch nur auf Wörter wie „Jens“, Blondie“, „Brötchen“ und „Essen“, unterstrichen mit entsprechender Gestik, zurückgreifen würde. Aber spätestens die Erklärung des veganen Begriffs und der dazugehörigen Darstellung eines eierlegenden Huhns auf der Bäckereitheke würde wohl peinliche Momente für mich beinhalten. Von der Ohrfeige meines Lebens mal ganz abgesehen, die ich mir sehr wahrscheinlich einhandeln würde, sobald ich gebärdentechnisch zum Melken der Teigdompteuse ansetzen würde.

Also muss ich mich notgedrungen für den steinigeren Weg entscheiden, der mich dazu verdammt, meine speziellen Essenswünsche rein verbal zu erläutern, so hoffnungslos das auch erscheinen mag, da mich von der anderen Seite der Verkaufstheke die toten Augen von London fixieren. Ich lasse es trotzdem auf einen Versuch ankommen, biete aber zunächst nur eine sehr grobe Zusammenfassung an, die lediglich besagt, dass es mir nach Lebensmitteln ohne tierische Produkte gelüstet. Gemeinerweise weiß ich dabei eigentlich schon immer direkt bei der Formulierung, dass diese Anfrage bei den meisten Empfängern wegen fehlenden Details nicht mental bearbeitet werden kann, aber im Fall der Brotakrobatin bin ich doch gespannt, um was sich ihre fast garantierte Rückfrage dreht. Denn übliche geistige Offenbarungseide wie „Und was ist mit Hühnchen?“ oder „Aber Wurst essen Sie schon?“, die viele Denkanfänger sonst zu solchen Gelegenheiten in den Raum fabulieren, sind im Zusammenhang mit reinen Brotwaren trotz der unendlichen Ekelweite des omnivoren Panscherei-Kosmos nur in absoluten Ausnahmefällen zu erwarten. Tatsächlich entscheidet sich auch Miss Knet-Fix für eine Nachhakalternative, indem sie die Frage „Auch keine Eier?“ von der wahrscheinlich sehr öden Ebene ihrer Gehirnprärie entlässt.

Eigentlich habe ich für diese Art von Hirnkapitulation bereits seit Urzeiten zuhause im stillen Kämmerlein eine passende Erwiderung ausgetüftelt, nämlich die Aussage, dass ich Eier natürlich esse, da diese ja am weltbekannten Eierbaum wachsen und demnach nichts mit Tieren zu tun haben. Auf diesen Kommentar können eigentlich nur 2 Reaktionen erfolgen, die mir beide recht reizvoll erscheinen. Entweder geht bei meinem Gegenüber am geistigen Horizont die Morgensonne auf, sie erkennt das noch nicht mal semi-intelligente Potential ihrer gedanklichen Recherche und schämt sich vielleicht sogar ein bisschen dafür, oder aber meine Gesprächspartnerin entpuppt sich intellektuell als Klon meiner Ex-Freundin und setzt begeistert nach, dass sie davon schon etwas gehört hat, weil im Land dieser Bäume doch auch der Osterhase wohnt. Beide Varianten würden mir zumindest die ersten Stunden des Tages retten, trotzdem greife ich im Fall meines heutigen Diskussionsopfers auf meine schon reflexartige Aufzählung zurück, in der ich angebe, auf keinen Fall Menstruationsprodukte, artfremde Muttermilch, Leichen und auch Bienenerbrochenes zu mir zu nehmen, da ich so was komischerweise als unappetitlich empfinde.

„Hallo, lieber Gesprächsteilnehmer, im Moment sind alle Zellen dieses Gehirns abgestürzt. Bitte gedulden Sie sich einen Moment, wir verbinden Sie sofort weiter, sobald einer der 6 Plätze wieder online geht.“ Den Spruch habe ich zugegebenerweise gerade frei erfunden, aber er würde gut zum leeren Blick passen, den meine vielleicht tatsächlich etwas ruppige Erklärung wie so oft ausgelöst hat. Da die 2 Kunden hinter mir langsam damit anfangen, Teer anzurühren und sich nach Federn umzusehen (habe ich schon erwähnt, wie sehr ich Typen wie mich HASSE, wenn ich am anderen Ende der Schlange stehe?), treibe ich dann die lustige Charade aber doch ihrem Ende entgegen, indem ich die niedlichen Pseudo-Bezeichnungen Eier, Milch und Honig als Kandidaten für meinen kulinarischen No-Go-Wunschzettel ausgebe. Dabei verkneife ich mir sogar Fragen über die Bearbeitung der Backbleche, da mir diese in noch keiner Bäckerei erschöpfend beantwortet werden konnten. Ich habe sowieso bei diesen sehr sporadischen Morgeneinkäufen irgendwann immer den Eindruck, dass mir die von Grotismus in der Endphase Befallene schließlich sogar versprechen würde, dass die Waren ohne Teig und Wasser hergestellt wurden, nur damit ich endlich den Verkaufsraum verlasse. Was ich dann auch mit 3 Körnerbrötchen tue, nicht ohne die nächste Bestellung an der Tür noch mitzubekommen, die sich auf ein Salamibrötchen komplett beläuft. Das ist doch mal eine beruhigende Aussicht nach dem ganzen Streß, da weiß man, dass diese Dinge am Wurststrauch in Tiefkühltruhistan wachsen und als Kunde bekommt man obendrauf noch eine Krebsgarantie als Treuedankeschön. Feste Werte, die pure Erholung nach so einem veganen Horrorerlebnis.
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Karat
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Re: Morgens halb 7 in Deutschland

Ungelesener Beitragvon Karat » 20.04.11 01:18

In Kunst & Lyrik gelandet, dachte ich erst an ein laaaanges Gedicht. Bis ich dann, als ich den Text endlich gelesen hatte, so langsam begriff, dass du besondere Brötchen haben wolltest.
Nicht jedem ist der Begriff Veganer bekannt, da, ich schätze mal die Mehrzahl doch zu Fleisch oder Tierprodukten greift.
Wie wäre es, wenn du dich einfach mal schlau machst, was Bäcker so alles in "normale" Brötchen packen. Ausgestattet mit dieser Liste, kannst du nach Brötchen verlangen, die Dieses oder Jenes nicht enthalten.
Falls auch das nicht auf fruchtbaren Boden fällt, würde ich mir, an deiner Stelle die Teile selbst backen.

Ps. Obwohl, wer gibt einem die Sicherheit, dass nicht der eine oder andere Käfer mit den Körnern zu Mehl gemahlen wurde......
oder dass eine Pflanze nicht vielleicht auch ganz schrecklich schreit, wenn sie abgeschnitten, zerkleinert und sogar gekocht wird.
Fühle die Würde eines Kindes, fühl dich nicht ihm überlegen, denn du bist es nicht.

Rygel
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Re: Morgens halb 7 in Deutschland

Ungelesener Beitragvon Rygel » 22.04.11 12:29

Karat hat geschrieben:Bis ich dann, als ich den Text endlich gelesen hatte, so langsam begriff, dass du besondere Brötchen haben wolltest.


Ich kann alle User beruhigen: Ich habe bereits selber gemerkt, dass meine Texte hier vielen zu hoch sind und deshalb auf Unverständnis stossen. Daraus habe ich bereits Konsequenzen gezogen und das Forum mehr oder weniger verlassen. Anders konnte ich das leider nicht handhaben, denn hätte ich auf manche Ratschläge gehört und meine Texte so angepasst, dass sie auch von schlichteren Geistern erfasst werden können, würde das auf 0815-Lyrik hinauslaufen und ich könnte mir manche Printveröffentlichung knicken. Da hatte ich echt keine Entscheidungsschwierigkeiten. :wink:

Karat hat geschrieben:Nicht jedem ist der Begriff Veganer bekannt, da, ich schätze mal die Mehrzahl doch zu Fleisch oder Tierprodukten greift.


Starkes Argument, was willst du damit genau ausdrücken? Dass Fleischkonsum und Debilität stark zusammenhängen? Halte ich für eine gewagte These. Ich ernähre mich nicht von Tierprodukten und weiss trotzdem, was "Omnivor" bedeutet. Und das halte ich noch nicht mal für eine großartige Geistesleistung von mir. Außerdem habe ich die Frau darauf hingewiesen, dass ich keine Tierprodukte essen möchte, was sich hinter diesem Begriff verbirgt, sollte dann spätestens jedem klar sein. Aber o. k., du hast deine Verständnisprobleme mit langen und komplizierten Texten ja schon angedeutet, die Stelle hat dich dann sicher auch überfordert, Schwamm drüber. :)

Karat hat geschrieben:Ps. Obwohl, wer gibt einem die Sicherheit, dass nicht der eine oder andere Käfer mit den Körnern zu Mehl gemahlen wurde......
oder dass eine Pflanze nicht vielleicht auch ganz schrecklich schreit, wenn sie abgeschnitten, zerkleinert und sogar gekocht wird.


PS: Ja, damit möchtest du was andeuten? Dass du keine Ahnung von dem fehlenden Nervensystem einer Pflanze hast? Oder das der theoretische Schmerz einer Pflanze dazu berechtigt, es auch unter anderen fühlenden Lebewesen bedenkenlos krachen zu lassen? Interessanter Punkt, könnte man direkt diskutieren, wenn das nicht Perlen vor die Säue wären... :weed:
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Karat
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Re: Morgens halb 7 in Deutschland

Ungelesener Beitragvon Karat » 23.04.11 02:03

Rygel hat geschrieben: Ich habe bereits selber gemerkt, dass meine Texte hier vielen zu hoch sind und deshalb auf Unverständnis stossen. Daraus habe ich bereits Konsequenzen gezogen und das Forum mehr oder weniger verlassen.

Wer ein Buch lesen will kauft sich eins, ansonsten ist es nicht von übel, wenn man sein Anliegen bzw einen Text so verfasst, dass mit wenigen Worten viel gesagt wird. In einem Forum ist es im allgemeinen wohl so gedacht, dass man viele User anspricht und nicht nur wenige, die möglicher Weise in einem literarischen Quartett besser aufgehoben wären.

Außerdem ist es mir unverständlich, dass jemand der Brötchen ohne Tierprodukte kaufen möchte, daraus eine wissenschaftliche Abhandlung macht. Die Ansichten über Vegetarier, oder gar Veganer gehen sehr weit auseinander. Wie gesagt jedem das Seine.

Dann wünsch ich frohes Schaffen an anderer Stelle mit so richtigen schlauen Leuten, die auch seitenlange Ausführungen über Morgenbrötchen nicht scheuen.

Ach noch was, wer sprachlich sooo interessiert ist, sollte doch auch ohne Fremdwörter auskommen, denn gerade die deutsche Sprache bietet eine große Auswahl sich vielfältig und vor allem verständlich auszudrücken.
Fühle die Würde eines Kindes, fühl dich nicht ihm überlegen, denn du bist es nicht.


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