Ich war ein Star

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Rygel
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Ich war ein Star

Ungelesener Beitragvon Rygel » 30.03.11 17:46

"Noch einen, Barkeeper!" Runzelte der Mann tatsächlich die Stirn? Er schwor sich: nur ein pseudo-mitfühlendes Wort von dem Typen und er würde es ihm mit seinen Stofffäusten in den Hals zurückstopfen. "Schlimmen Tag gehabt, Herr Grobi, hmmm?" Gut, wenn das alles an Mitleid war, was der Kerl rauskotzen musste, wollte er es ihm nochmal durchgehen lassen, zumal der Mann jetzt pflichtgemäß den 6. (7.? 8.?) Wodka in sein Glas gluckern ließ. Wortlos zog er das volle Glas an sich heran und starrte dumpf vor sich hin. Endlich verkrümelte sich der Barkeeper wieder an einen anderen Teil der Theke und entliess ihn somit in die von ihm gewählte und sogar herbeigewünschte Einsamkeit.

Ja, es war ein schlimmer Tag gewesen, genau genommen sogar ein richtiger Scheiß-Tag. Autogrammstunde in einem Supermarkt im Nirgendwo, eine der größten Demütigungen, die sich Gott, wenn es ihn wieder Erwarten doch geben sollte, ausgedacht hatte. "Treffen Sie Grobi, den Star aus der Sesamstrasse". Kurz musste er trocken und gleichzeitig erstickt auflachen. Klar, der Star aus der Sesamstrasse... Allerdings vor gefühlten 100 Jahren. Wer erinnerte sich heute noch an Grobi? Anscheinend nicht viele, denn die Autogrammkarten für 5 Dollar das Stück lagen wie Blei vor ihm auf dem wackeligen Tapeziertisch, Leute, die kamen, interessierten sich mehr für die Tiefkühltruhe rechts oder dem Haushaltsreinigerstand links von ihm. Der Nachmittag nahm kein Ende, der Preis wurde stündlich durchgestrichen und nach unten korrigiert, doch selbst als gegen Abend die Marke auf 50 Cent gesunken war, hatte er gerade mal 4 Autogrammkarten unter das Volk gebracht. Nein, noch nicht mal, eine hatte er ja selbst gebraucht, als Röhrchen für seine Kokslinie auf der Mitarbeitertoilette.

Irgendwann kam der Filialleiter, um den Feierabend zu verkünden, warum er Grobi 30 Dollar in die Hand gedrückt hatte, wusste er wohl selbst nicht. Mitleid? Nostalgie? Anstand? Eigentlich war es ihm auch egal, genau wie dem Barkeeper, bei dem er den Schein gerade verflüssigte.

Plötzlich ertönte die Melodie der Sesamstrasse und für einen kurzen Moment fühlte er einen Kloß im Hals. Verdammt, warum hatte er noch immer nicht den Klingelton geändert? Er machte sich doch nur selbst damit kaputt. Mit zittrigen Händen holte er den Quälgeist aus seinem Fell: "Kermit calling". Natürlich, er hatte dem verdammten Frosch ja von seinem Job erzählt, jetzt wollte diese gierige Stoff-Amphibie natürlich die geliehenen 100 Dollar zurück, die er ihm seit Urzeiten schuldete. Er drückte die Stumm-Taste. Verdammter Frosch, verdammter Frosch, verdammter Frosch!!! Hatte den Sprung in die Muppet Show geschafft und covert aktuell sogar Johnny Cash-Lieder, war aber trotzdem hinter lausigen 100 Kröten her wie der Teufel hinter der Seele.

Grobi kippte seinen Wodka. "BARKEEPER, ICH WILL... DIE... FLASCHE!!!!" Ein falsches Wort, mein Freund, ich bitte dich fast darum. Letzten Monat in einer Bar meinte einer dieser Kretins den Clown spielen zu müssen, indem er ihn fragte, ob er jemanden gerade den Unterschied zwischen Nüchtern und Sternhagelvoll erklären wollte. Diese Nacht in U-Haft war kalt gewesen, er brauchte da wirklich keine Wiederholung. Der aktuelle Wächter seines anstehenden Deliriums war allerdings mehr der Stirnrunzler, diesmal schob er die Flasche sogar ohne Kommentar wunschgemäß rüber, die Geste mit der Stirn wurde ihm deshalb großzügig von Grobi gegönnt.

Beim Einschenken musste er plötzlich an Tiffy denken. Wieder schossen ihm für einen Moment heisse Tränen hoch. Tiffy... Eine Kollegin aus Deutschland, in die er sich im Fernsehen unsterblich verliebt hatte. Es kam zu einem Briefwechsel, die Kleine hatte sogar von ihm gehört, was war er glücklich an dem Tag, als sie ihre Tante in den USA besuchte und er das erste Date einfädeln konnte. Das Herz schlug ihm bis zum Hals, als er vor ihrer Hoteltür stand, die aufging... um ihn mit dem größten Schock seines Lebens zu konfrontieren. Tiffy hatte keinen Unterleib, sie bestand nur aus Kopf und einer Hand. Eine Welt brach für ihn zusammen, höflich lächelnd brachte er den Abend hinter sich, nur um beim Abschied zu wissen, dass dieser für immer sein würde. Er war verdammt nochmal nicht wählerisch oder arrogant, aber er konnte einfach keine Kopfhand/einen Handkopf lieben.

Das Glas war schon wieder leer. Wehmütig, wie um sich selbst zu bestrafen, dachte er jetzt daran, wie schlecht dieses Jahr bisher lief. An Neujahr holte man Graf Zahl von einer Bahnhofstoilette. Eine Überdosis und alle alten Weggefährten taten so, als fielen sie aus allen Wolken. Diese Heuchler... Jeder wusste, dass Graf Zahl gekifft hatte, angeblich um sich besser auf die Zahlen konzentrieren zu können, und fast jeder war auch mit seiner folgenden Drogenkarriere vertraut gewesen. Grobi war beileibe nicht der Einzige, für den der Graf das weisse Gift besorgt hatte.

Dann die Sache mit Ernie vor 3 Wochen, erhängt im Schlafzimmer, gefunden von Bert. Der ewig lustige Kicher-Ernie... Hinter den Kulissen wurde er immer verschlossener, nachdem eine Kußszene mit Bert in der Sesamstrasse abgelehnt wurde. Homosexualität war ein Tabu in der Puppenszene, wie gesagt: Heuchler wohin man blickte... Irgendwie hatte sich Ernie nie davon erholt, dann noch Berts Affäre mit dem Krümelmonster, irgendwann war es wohl einfach zuviel.

Grobi seufzte und setzte den 12. (13.? 14.?) Wodka an. Da sass er nun , der Star aus der Sesamstrasse, und zerbrach an dieser Welt. Er wusste gar nicht mehr, wie lange sein letztes Engagement für die Serie zurücklag. Heute regierten Animationsserien und 0815-Puppen die Strasse, wenn jemand etwas erklärt haben wollte, richtete er sich an Google, er selbst war noch nicht mal mehr eine Erinnerung. Hin und wieder gab es Nostalgieausschnitte, wenn irgendwo eine Sendung zu kurz war, aber selbst für die sah er kein Geld, da er nicht der Autor seiner Texte war. Das Leben war so ungerecht. Nächste Woche hatte er einen Termin für einen Kindergeburtstag, die Dame am anderen Ende der Leitung hatte ihn die ganze Zeit mit Fozzy-Bär angesprochen und wohl auch gebucht.

Schwankend erhob er sich jetzt vom Barhocker, knallte die 30 Dollar auf die Theke und wankte mit seiner Flasche in die Nacht. Mal sehen, ob Rowlf noch wach war. Vielleicht konnte er da ja unter dem Klavier seinen Rausch ausschlafen, immerhin war es da warm und trocken.
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http://www.youtube.com/watch?v=isNXUnPgvio

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Jessy128
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Re: Ich war ein Star

Ungelesener Beitragvon Jessy128 » 30.03.11 19:31

Is it a bird? Is it a plane???????

Oh no!! It's......... :schreck:

Rygel
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Re: Ich war ein Star

Ungelesener Beitragvon Rygel » 30.03.11 20:00

Ah, EINE erinnert sich noch... :weed:
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Vera
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Re: Ich war ein Star

Ungelesener Beitragvon Vera » 31.03.11 08:51

Wie könnte man die gute alte Sesamstrasse vergessen? Die Helden unserer Kindheit.
Jeder Mensch ist anders - nur ich nicht!


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