Eigenes Tagebuch mit schwieriger Kindheit/Jugend nach über 20 Jahren lesen?

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svru
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Eigenes Tagebuch mit schwieriger Kindheit/Jugend nach über 20 Jahren lesen?

Ungelesener Beitragvon svru » 11.01.15 15:15

Hallo,

ich hatte eine nicht so leichte Kindheit und Jugendzeit, hauptsächlich in der Form, daß ich mich seelisch sehr alleingelassen fühlte und physisch auch eine sehr lange Zeit war. In der Pupertät schrieb ich daher mehrere Jahre lang intensiv ein Tagebuch (etwas mehr als einen Leitz-Ordner; auch mit diversen nicht selbst geschriebenen Erinnerungen versehen) um wenigstens diesem meine ganzen Gedanken unverfälscht anvertrauen zu können.
Das Tagebuch ist größtenteils handschriftlich mit Tinte geschrieben, die langsam verwäscht, so daß ich mir die Mühe gemacht habe dieses einzuscannen... und im Zuge dessen blätterte ich es durch, blieb an der einen oder anderen Passage hängen, erinnerte mich... bis ich an einer Stelle plötzlich in Tränen ausgebrochen bin weil auf einmal alles wieder hochkam (der seelische Schmerz über die Bedeutung eines bestimmten Ereignisses).
Dazu muß ich noch sagen, daß ich wegen meiner besch... Kindheit viele Jahre Psychotherapie gemacht habe und jetzt ganz gut im Leben stehe aber trotzdem selbstverständlich nicht alles und restlos in mir davon bereinigt ist. Jeder trägt ja seine Vergangenheit und was aus ihm deswegen geworden ist mit sich und das muß ja nicht immer was Schlimmes sein (so bin ich heute gern für mich und habe nur meine Partnerin, keinen besten, dafür 2 gute und sonst weiter keine loseren Freunde).

Was meint ihr? Ist es gut weiter in dem Tagebuch, jetzt speziell an der bewußten Stelle zu lesen? Oder auch noch mehr andere Passagen richtig durchzulesen?
Was wenn das mich immer noch mehr aufwühlt?

Bevor ich an dieser Stelle ankam dachte ich mir so, man könnte das ja wirklich mal alles lesen... dann bemerkte ich (immer noch vor der Stelle), daß ich nur bei ein bißchen so reinschauen bereits in den Erinnerungen schwelgte (waren ja nicht alle schlecht), so daß ich für das Lesen des gesamten Tagebuchs wohl Jahre brauchen würde... Kann das gut sein? Oder schreibt man nur ein Tagebuch rein zum Zwecke des Schreibens zu dem Zeitpunkt und nicht (so sehr) um das Ganze irgendwann nocheinmal alles wieder durchzulesen (und damit auch noch einmal durchzuerleben - positives wie negatives)?!?

Bei der Suche im Internet zum Thema Tagebücher geht es nämlich immer irgendwie nur um dieses Schreiben selbst und vielleicht noch das Lesen fremder Tagebücher, entweder dafür veröffentlicht oder unberechtigt von einem, daß man in die Finger bekommen, aber keine Erlaubnis zum Lesen hat. Da fehlt doch eigentlich etwas ganz entscheidendes, nämlich meine Frage!
Oder?

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Vera
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Re: Eigenes Tagebuch mit schwieriger Kindheit/Jugend nach über 20 Jahren lesen?

Ungelesener Beitragvon Vera » 11.01.15 16:00

Hallo,

ich kann das aus der Ferne natürlich nicht richtig beurteilen und daher nur eine oberflächliche Antwort geben. Auf der einen Seite denkt man ja schnell, dass das Lesen nicht dramatisch sein kann. Schon deshalb, weil man ja jederzeit unterbrechen kann, wenn man merkt, dass es zu heftig wird. Aber auf der anderen Seite ist bekannt, dass das Auseinandersetzen mit solchen Dingen zu einer Retraumatisierung führen kann. Das kann im Zweifelsfall bedeuten, dass es dir dann schlechter geht, als damals. Insofern ist doch eher vom Lesen deiner Tagebücher abzuraten. Zumindest ohne therapeutische Unterstützung ist da das Risiko einfach zu groß, dass dir das schadet. Vielleicht ist es besser, die Dinge ruhen zu lassen.

Liebe Grüße
Vera
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svru
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Re: Eigenes Tagebuch mit schwieriger Kindheit/Jugend nach über 20 Jahren lesen?

Ungelesener Beitragvon svru » 11.01.15 19:48

Mmh,

welchen Hintergrund hast Du? Ich meine, kennst Du Dich aus (psychotherapeutische Ausbildung oder ähnliches) oder hast Du Erfahrungen in der Richtung? Deine Antwort klingt nämlich wie von einem Profi... macht mir aber auch Angst, daß meine Tagebücher wie eine "Bombe" sein könnten - und die befindet sich hier mitten in meiner Wohnung. Entsorgen mag ich sie aber auch nicht - es stecken ja auch schöne Erinnerungen oder überhaupt Erinnerungen drin, Nachweise über eine bestimmte Zeit aus meinem Leben.
Ich hab' ja auch etwas Bestimmtes daraus lesen wollen um mal zu schauen wie sehr sich meine Erinnerungen an ein bestimmtes (anderes) Ereignis von dem entfernt haben was ich kurz danach aufgeschrieben habe. Dieses Ereignis IST ein schönes Ereignis... tja, aber das andere, tränenauslösende war auch eigentlich nichts Schlimmes ansich... oh Mann, da ist überhaupt nichts Schlimmes passiert (eher das Gegenteil) und trotzdem stand da etwas (auch nichts Schlimmes), das wie ein Trigger mein damaliges Grundproblem (allein sein) hat voll hochkommen lassen...

Ist schon ziemlich krass. Aus heutiger Sicht habe ich für mich das Tagebuch auch geschrieben um mich eben besser erinnern zu können - weil es ja auch eine Tatsache ist, daß Erinnerungen sich verändern (können). Irgendwo ist mir auch sehr wichtig bestimmte Dinge nicht zu vergessen... *seufz*
Ätzend das - und Danke für Deine Antwort, Vera.

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Re: Eigenes Tagebuch mit schwieriger Kindheit/Jugend nach über 20 Jahren lesen?

Ungelesener Beitragvon Vera » 11.01.15 21:18

Hallo svru,

ich bin leider keine Psychotherapeutin, obwohl das echt mein Ding gewesen wäre. Aber im Laufe meines langen Lebens habe ich so einiges mitbekommen und dazugelernt. Also reine Küchenpsychologie ohne Anspruch auf Richtigkeit.

Also überleg dir gut, ob du die Büxe der Pandora wirklich öffnen willst.
Liebe Grüße
Vera
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Spocky
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Re: Eigenes Tagebuch mit schwieriger Kindheit/Jugend nach über 20 Jahren lesen?

Ungelesener Beitragvon Spocky » 15.01.15 23:19

Liebe/r svru,

ich hab auch total viele Tagebücher und auch etwas echt schlimmes da verarbeitet, was ich mir angemarkert habe und nicht lese, bis ich den Zeitpunkt für richtig halte. Wann der kommt, ob der überhaupt kommt, weiß ich nicht und ich denke, das ist auch nicht wichtig, wichtig ist nur (so wie Vera sagte), dass es mir mit dem Lesen gut geht.
Die Marker habe ich erst vor ein paar Jahren eingeklebt, aber ich weiß ja, wann das ganze begonnen hat und in etwa, wann es endete. Das soll nicht heißen, dass du diese Stelle deines Lebens ausblenden sollst, ich denke, sie ist immer irgendwie präsent, aber ich will mir den Luxus gönnen, das alles "durch Milchglas" zu betrachten bis ich selber bereit bin, einen Schritt weiter zu gehen.
Vielleicht gibt es auch die Möglichkeit, das mit jemandem zusammen zu lesen, der dir nahe steht. Für mich persönlich ist das keine Option, aber ich kenne Leute, denen das wahnsinnig geholfen hat. Vielleicht hörst du da einfach mal auf dein Inneres, ganz oft ist das tiefste Innere klüger als man meint.

Alles Gute,
Spocky
"Versuchungen sollte man immer nachgeben. Man weiß nie, wann sie wiederkommen." Oscar Wilde

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Re: Eigenes Tagebuch mit schwieriger Kindheit/Jugend nach über 20 Jahren lesen?

Ungelesener Beitragvon Karat » 17.01.15 02:14

Habe selbst nie Tagebuch geschrieben, aber mir dennoch gravierende Ereignisse in Kalendern notiert. Ich könnte mir vorstellen, dass jemand ein Tagebuch schreibt, um schöne Begebenheiten festzuhalten. Ebenso aber auch sich schlimme, oder bedrohliche Erlebnissen sozusagen "von der Seele" zu schreiben. Wenn man gerade in solchen Momenten niemanden hat, dem man es erzählen könnte, oder dem man sich anvertrauen kann.
Bei allem kann man sich doch vergegenwärtigen, dass alles was geschrieben steht, das eigene Leben ist, mit Höhen und Tiefen. Bedrohliche Dinge, die dort stehen, können sich nicht aus dem Buch erheben, nein, sie sind Vergangenheit und man hat sie im Großen und Ganzen überstanden.
Man kann die Passagen, die noch zu sehr bedrücken, auslassen und sich später damit beschäftigen, wenn das Bedürfnis aufkommt. Derweil das Andere lesen an das man sich gerne erinnert.
Viele Dinge verblassen auch mit den Jahren und müssen nicht unbedingt so bedrohlich gewesen sein, wie man sie vor vielen Jahren empfunden hat.
Man bedenke nur die Nachkriegszeit, wo es die Menschen wirklich nicht einfach hatten als alles in Schutt und Asche lag. Und dennoch reden die Alten oft von der guten alten Zeit. Man blendet Schlechtes aus und freut sich um so mehr über alles was man geschafft hat.
Fühle die Würde eines Kindes, fühl dich nicht ihm überlegen, denn du bist es nicht.

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Re: Eigenes Tagebuch mit schwieriger Kindheit/Jugend nach über 20 Jahren lesen?

Ungelesener Beitragvon svru » 17.01.15 22:33

Hi Spocky & Karat,

Spocky hat geschrieben:Vielleicht gibt es auch die Möglichkeit, das mit jemandem zusammen zu lesen, der dir nahe steht. Für mich persönlich ist das keine Option, aber ich kenne Leute, denen das wahnsinnig geholfen hat.

Tagebuch mit jemandem zusammen lesen? Ich weiß nicht. Die einzigste Möglichkeit - neben einem Psychotherapeuten (Nur sollte ich da überhaupt hingehen nur um mein Tagebuch zu lesen?) - wäre meine Partnerin, nur selbst dieser erzähle ich nicht alles und schon gar nicht so detailliert wie es aus (m)einem Tagebuch herauskommt. Letztlich steht mir kein Mensch so nahe, daß ich ihm mal eben so mein Tagebuch anvertrauen würde, selbst dem mir nahestehendsten Menschen, den ich mir vorstellen kann, würde ich am Ende doch nicht wirklich ALLES anvertrauen und ihn dem Tagebuch steht, denke ich, mal eben doch fast ALLES - von damals - drin!


Karat hat geschrieben:Ich könnte mir vorstellen, dass jemand ein Tagebuch schreibt, um schöne Begebenheiten festzuhalten. Ebenso aber auch sich schlimme, oder bedrohliche Erlebnissen sozusagen "von der Seele" zu schreiben.

Was meinst Du mit bedrohlichen Ereignissen? So wie ich dieses Wort verstehe findet sich in meinem Tagebuch nichts bedrohliches sondern nur seelischer Schmerz in der Art einer Bewertung wie es mir damals ging. Ich war allein, vollkommen außen vor, hatte nichts von dem Spaß, den Heranwachsende und Jugendliche so haben... und dieser Schmerz ist wieder ziemlich stark hochgekommen. Ich trauere dem quasi noch nach obwohl ich das heute so nicht mehr haben wollen würde bzw. bestimmte Sachen weiterhin haben kann. Ich weiß nicht warum das so (bei mir) ist; die Sachen sind ja alle gegessen, ich brauche das nicht mehr... und doch fehlt es mir (Die Erfahrung?!) noch heute und dann ist eben dieser ganze Schmerz auf einmal wieder da.


svru

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Re: Eigenes Tagebuch mit schwieriger Kindheit/Jugend nach über 20 Jahren lesen?

Ungelesener Beitragvon Vera » 17.01.15 22:54

Hallo svru,

ich bleibe bei meiner Ansicht. Wenn das, was in den Tagebüchern steht, für dich damals extrem bedrohlich war, besteht die Gefahr, dass du dich wieder wie damals fühlst, wenn du dich intensiv damit auseinandersetzt.

Wenn du, wie Spocky so schön bildlich schreibt, in der Lage bist, beim Lesen alles "durch eine Milchglasscheibe" zu betrachten, dann spricht nichts dagegen, mal wieder vorsichtig in die Bücher zu schauen.

Wenn du auf Nummer sicher gehen willst, wäre das mit der therapeutischen Unterstützung wirklich nicht schlecht. Oder aber du lässt die Vergangenheit einfach ruhen.

Beste Grüße
Vera
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Re: Eigenes Tagebuch mit schwieriger Kindheit/Jugend nach über 20 Jahren lesen?

Ungelesener Beitragvon egozentrum » 21.01.15 08:33

Also mir erscheint die Frage sehr abstrakt. Ich habe selbst als junger Mensch nur mal für Tage probiert, ob Tagebuchschreiben was für mich wäre, aber es stellte sich schnell heraus, daß ich mich so nur gegenüber möglichen Dieben (bspw. respektlos herumschnüffelnden Eltern) blossstellen würde, ohne da irgendwas von zu haben.

Von daher kann ich mich irgendwie null in die beschriebene Situation hineinversetzen, verstehe weder die Bedenken wirklich. noch die mögliche Motivation, das jetzt "nachzubearbeiten". Zu letzterem denke ich mir vor allem, daß es für mich eh' ziemlich aussichtslos ist, all diese Unverstandenheit bekämpfen zu wollen (zumal ich ja selbst von mir selbst kenne, daß Menschen nunmal nicht streng logisch, effizient, gerecht, sinnvoll, und jederzeit in jedem Detail liebevoll und respekterfüllt agieren).

So hohles Rauschen hat ja doch ungefähr den Stellenwert von Nichtexistenz, so daß ich vermuten würde, daß das nix bringen wird, den Text durchzuackern. Aber vielleicht ist das ja auch irgendwas, was Du Dir einfach vorgenommen hast, dann musst Du da vielleicht mal durch?

Karat
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Re: Eigenes Tagebuch mit schwieriger Kindheit/Jugend nach über 20 Jahren lesen?

Ungelesener Beitragvon Karat » 22.01.15 01:05

Karat hat geschrieben:.... schöne Begebenheiten festzuhalten. Ebenso aber auch sich schlimme, oder bedrohliche Erlebnissen ....

svru hat geschrieben:Was meinst Du mit bedrohlichen Ereignissen? So wie ich dieses Wort verstehe findet sich in meinem Tagebuch nichts bedrohliches sondern nur seelischer Schmerz in der Art einer Bewertung wie es mir damals ging. Ich war allein, vollkommen außen vor,.....


Mit "bedrohlich" meinte ich die Tatsache, dass dir beim lesen die Tränen kamen. Sich allein gefühlt zu haben, völlig außen vor zu sein, nicht dazu zu gehören, hat schon was bedrohliches in gewisser Weise.

Deine Tagebücher sind dir ja wichtig, sonst hättest du sie nicht gescannt. Lies sie wenn dir danach ist, es brauch ja nicht alles auf einmal zu sein. Schöne Erinnerungen sind es wert wieder ans Licht geholt zu werden und bei den nicht so Schönen muß man sich klarmachen, dass sie Vergangenheit sind. Man kann ja nichts mehr ändern, oder gar noch einmal von vorne anfangen.
Positive Begebenheiten prägen, aber auch von negativen Erfahrungen profetiert man im späteren Leben und wenn sie nur davor bewahren gleiche Fehler noch einmal zu machen. Es hat alles einen Sinn. Würde alles ideal ablaufen, wäre es stinklangweilig. Bei allem was einmal war, sollte man den Blick auf die Zukunft richten, denn nur dort kann man noch Entscheidungen treffen. Man kann nur vorwärts leben, das Zurückliegende ist vorbei.
Fühle die Würde eines Kindes, fühl dich nicht ihm überlegen, denn du bist es nicht.


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